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Die Wurzeln des Wellenreitens verlieren sich ebenso im Dunkeln der Geschichte wie die der Polynesier, die als Erfinder des Wellenreitens bezeichnet werden können. Wahrscheinlich schon in vorchristlicher Zeit (zw. 750 und 500 v. Chr.) brachen die Polynesier auf aus ihrer Urheimat Hawaiki, das irgendwo in Indonesien vermutet wird, um das heutige Polynesien zu besiedeln. 

Die Polynesier waren gastliche, fröhliche und offene Menschen des Meeres, die im Schwimmen, Tauchen und in der Seefahrt große Leistungen vollbrachten. Sie machten Expeditionen bis nach Südamerika und in die Antarktis. Sie führten ein sorglos anmutendes Leben in wunderschöner Landschaft, feierten viele Feste mit Musik, Tanz und Gesang und imponierten den europäischen Entdeckern durch ihre freien Liebessitten. Neben Klettern, Grasrodeln, diversen Kampf- und Laufspielen war vor allem Wassersport sehr beliebt. Schwimmen, Tauchen, Paddeln, Segeln, Wasserspiele und Klippenspringen waren sehr verbreitet.

Die Entwicklung des Wellenreitens begann wahrscheinlich mit dem Body-Surfen. Dabei wurden die Wellen ohne Hilfsmittel nur mit dem Körper abgeglitten. Anschließend wurden Binsenbündel, kleinere Baumstämme, hölzerne Planken oder Kanuspitzen benutzt, um dem Körper mehr Auftrieb zu geben. Später wurde auf größeren Brettern liegend, sitzend oder auf den Knien gesurft. In dieser Form war Wellenreiten in ganz Polynesien (und darüber hinaus) verbreitet. Vor allem auf Tahiti hat es sich zum Surfen im Stehen weiterentwickelt. Frauen und Männer aller Klassen und Altersstufen gingen hier aufs Meer, um zu surfen.

Im Zuge der Besiedlung Ost-Polynesiens von Tahiti aus kam Wellenreiten dann in dieser Form auf die Marquesas-Inseln, nach Neuseeland, Rapa, auf die Osterinsel und nach Hawaii. Auf Hawaii hat es sich schließlich am weitesten bis hin zur Schrägfahrt entwickelt. Die gesellschaftliche Bedeutung des Wellenreitens wurde u. a. daran deutlich, daß die Buchten mit den höchsten und besten Wellen für die Könige reserviert waren und für die restliche Bevölkerung mit einem Tabu belegt waren. Einmal im Jahr fand auf Hawaii das Makahiki-Fest statt. Die Arbeit wurde für 3 Monate unterbrochen, um Erholung, Sport, Tanz und Festmahle zu genießen. Eine besondere Bedeutung hatten dabei die Wellenreitwettkämpfe, zu denen Tausende von Zuschauern kamen. Wellenreiten war auf Hawaii Nationalsport.

Da Wellenreiten bereits vor der Besiedlung Hawaiis (im 10. Jahrhundert n. Chr.) existierte, ist davon auszugehen, daß es mindestens 1000 Jahre alt ist. Jedoch gibt es Hinweise auf ein wesentlich höheres Alter dieser faszinierenden Sportart. Auch in Mikronesien (z. B. Fiji-Inseln, Neuguinea) und Melanesien (z. B. Marshall-Inseln, Karolinen) wurden Wellen abgeritten, allerdings nur dort, wo es auch gesellschaftlich und kulturell einen großen polynesischen Einfluß gab. Da aber der Aufenthalt der Polynesier in diesen Gebieten in der Zeit vor Christus vermutet wird, ist anzunehmen, dass das Wellenreiten bereits aus vorchristlicher Zeit stammt.

Als Polynesien von den ersten Europäern entdeckt wurde, war die Geschichte des Wellenreitens schon längst geschrieben – oder vielmehr gesungen. Die Polynesier, die zwar keine Schrift hatten aber über ein ausgeprägtes Geschichtsbewußtsein verfügten, gaben ihre Geschichte in Form von Liedern und Legenden weiter. Sie sangen von den ruhmreichen Taten der besten SurferInnen und baten den Gott des Meeres, die kleinen Wellen zu behalten und doch lieber die großen zu schicken. Der Brite James Cook  entdeckte im Jahr 1778 Hawaii, wo er Eingeborene beim Wellenreiten beobachtete. Seine Aufzeichnungen, die den ersten schriftlichen Bericht über Wellenreiten darstellen, lassen vermuten, daß Cook die Faszination dieser Sportart spürte.

Spätere Expeditionen waren nicht so human und feinfühlig wie jene zur Zeit Cooks. Neben Walfängern und Missionaren waren es vor allem Kriegsschiffe aus Europa, welche die Kolonisierung der paradiesischen Inseln betrieben. Krankheiten, Alkohol- und Gewinnsucht verbreiteten sich. Die Anzahl der Hawaiianer nahm rapide ab. Waren es 1778 noch 300.000, so zählte man im Jahr 1900 einschließlich aller Mischlinge weniger als 40.000.

Als König Kamehameha I., dessen Surf-Leistungen noch lange nach seinem Tod besungen wurden, 1819 starb, wurden die bis dahin geltenden Tabu-Gesetze abgeschafft, wodurch der Boden für das Christentum bereitet und der Zusammenbruch der hawaiianischen Kultur eingeleitet war. In diesem Jahr fand auch das Makahiki-Fest zum letzten Mal statt. Die daraufhin eintreffenden Missionare ersetzten das heidnische Brauchtum durch strenge Kirchensitten. Auch das Surfen wurde als unnütze, heidnische und unsittliche (Männer und Frauen surften zusammen) Zeitverschwendung angesehen und 1823 kurzerhand verboten. Die wirtschaftliche Situation der Hawaiianer verschlechterte sich durch die Anbindung an den Welthandel. Die Einkünfte aus Walfang und Holzindustrie sanken und es waren hohe Steuern zu zahlen. Zum Surfen blieb keine Muße mehr. Die Könige, ehemals Trendleader, waren zu beschäftigt um zu surfen und die kulturelle Einbindung des Surfens ging verloren, so dass das Wellenreiten um 1829 von den meisten Plätzen Hawaiis und Polynesiens verschwand.

Mit der Gründung der ersten hawaiianischen Surfclubs wurde 1908 eine bis heute nicht endende Ära eingeleitet, in der sich das Wellenreiten wieder aufwärts entwickelte und sich, zunächst unter dem Einfluß von Georg Freeth und Duke Kahanamoku, über die ganze Welt verbreitete. 1955 kam Peter Viertel, ein Drehbuchautor aus Hollywood, der mit der Filmschauspielerin Deborah Kerr verheiratet war, zu Dreharbeiten nach Biarritz. Er fand Gefallen an den Wellen, ließ sich ein Board aus Kalifornien kommen und versuchte sich im Wellenreiten. Mit ihm begannen die Franzosen Michel Barland, Georges Henebutte (der Erfinder der Leash) und Joel de Rosnay, die bald den ersten Surf-Club Frankreichs gründeten.

Auch die Geschichte des deutschen Wellenreitens begann Mitte der 50er Jahre. Damals bekamen die Sylter Rettungsschwimmer ihre ersten Rettungsbretter, die ziemlich ungeeignet zum Wellenreiten warten. Das konnte Uwe Draht jedoch nicht davon abhalten, seine ersten Surfversuche damit zu starten. Dieter Behrens, Walter Viereck, Jens Körner u. a. schlossen sich seinem Tun an. In Biarritz kauften sie sich ihre ersten richtigen Wellenreitboards. Daß es ein spezielles Surf-Wax gab, welches das Abrutschen vom Board verhinderte, bekamen sie jedoch erst viel später mit. 1966 gründeten sie den „Surfing Club Sylt“.

Erst 25 Jahre nach dem „Surfing Club Sylt“ wurden weitere deutsche Wellenreit-Vereine gegründet, die schließlich 1991 in Köln den Deutschen Wellenreitverbandes (DWV) gründeten. Noch im selben Jahr nahm der DWV seine Arbeit zur Entwicklung eines sportwissenschaftlich fundiertes Konzepts für die Ausbildung von Wellenreit-InstruktorInnen auf. Im Sommer 1992 startete die erste Ausbildung von DWV-Wellenreit-LehrerInnen. Auch wurde erstmals an internationalen Wettkämpfen teilgenommen und eigene Contests wurden veranstaltet. 1996 fand die erste Deutsche Meisterschaft in Frankreich statt.


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Martin Zawilla

Diplom-Sportwissenschaftler

Wellenreitlehrer mit Lizenz des Deutschen Wellenreitverbands

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